Frauen bei Implenia

Der Bau gehört zu den männlichsten aller Branchen. Doch immer mehr Frauen wagen sich vor – von der Administration bis zur Baustelle. Zum Beispiel Gina Roth oder Sonia Pinnelli. Wie sie ihren Sonderstatus erleben und was ihnen in der harten, aber ehrlichen Männerwelt gefällt, schildert Autorin Michèle Binswanger.

Frauen bei Implenia. Es ist ein windiger Tag auf der Baustelle in Zürich-Wiedikon, wo dereinst die Wohnüberbauung Gutstrasse 85–127 entstehen soll. Inmitten von unverputztem Mauerwerk, Staub und rohem Beton steht Gina Roth. Sie ist eine eindrückliche Erscheinung, gross, in Jeans, blauem T-Shirt und Turnschuhen. Sie ist die einzige Frau hier – und vor Ort die oberste Leiterin des 50-Millionen-Projekts. In rund einem Jahr sollen hier Familien in warmen, trockenen Stuben zu Abend essen. Bis dahin gibt es noch viel zu tun. Niemand weiss das besser als Roth. Entsprechend speditiv ist die 34-Jährige auf ihrer Baustelle unterwegs, fragt hier nach, leiht dort ein Ohr. Ihre Sätze sind kurz, die Bewegungen knapp. «Ist das Problem mit den Fenstern gelöst? Schafft ihr es?», fragt sie einen Kollegen. Der Fenstermacher wiegelt ab. «Weiss nicht», sagt er. «Ist knapp.» – «Das heisst, es geht, oder?», gibt sie zurück. «Die Maurer bleiben euch jedenfalls im Nacken, damit euch nicht langweilig wird.» Sie grinst.

Viele Quereinsteigerinnen. Frauen auf dem Bau sind noch eine rare Spezies. Immerhin handelt sich hier nach wie vor um eine der männlichsten aller Domänen, wo beherztes Anpacken und rohe Muskelkraft gefragt sind. Doch auch hier werden traditionelle Rollenmodelle aufgebrochen. «Der Frauenanteil nimmt vor allem bei den Auszubildenden zu», sagt Ueli Büchi, Leiter der Berufsausbildungspolitik des Schweizerischen Baumeisterverbands. Dabei zeigt sich ein paradoxes Phänomen: In der Ausbildung zum Polier komme rund eine Frau auf 150 Absolventen, auf der Stufe der Baumeister sei es bereits eine Frau auf 40 Absolventen, schätzt Büchli. Frauen seien oft Quereinsteigerinnen und in den leitenden Positionen, wo Köpfchen wichtiger ist als Körperkraft, tendenziell besser vertreten. Gina Roth bringt beides mit. Die Tochter eines Natursteinmetzen und einer Kosmetikerin spielte schon als Kind am liebsten mit Lego und konstruierte Häuser für ihre Barbies. «Ich war schon immer eine Gegenläuferin», sagt sie. Das war so in der Schule und später in der Ausbildung zur Hochbauzeichnerin, während der Maurerlehre und später in der Bauleiter- und der Projektleiterschule.

Eine ehrliche Welt. Es sei ihr Traumjob, sagt sie, auch wenn sie dafür durch eine harte Schule gegangen ist. Ihre Laufbahn lehrte sie, dass der Frauenbonus auf dem Bau zuweilen auch ein Frauenmalus sein kann. Viele Lehrer und Vorgesetzte trauten ihr weniger zu als ihren männlichen Kollegen, grenzten sie aus. Aber Roth wusste sich zu wehren. Als ein Polier ihr in der Ausbildung partout keine schweren Lasten zu tragen gibt, stellt sie ihn zur Rede: «So kriege ich ein Problem mit den andern.» – «Aber du bist eine Frau», sagt er. «Ich kann dir ja sagen, wenn es mir zu viel wird.» antwortet sie. Also spannt er sie ein, und sie wuchtet am nächsten Tag stundenlang Lasten herum, bis sie um drei Uhr nachmittags ein Time-out verlangt. Von dem Tag an wird sie respektiert. Respekt ist ihr wichtig. Sie wirkt wie jemand, der sich durchsetzen kann – aber ohne übertriebene Härte. Respekt hat sie für all die Männer, die da draussen bei Wind und Wetter schuften. «Das ist ein Knochenjob», sagt sie. Aber sie liebt diese Männerwelt, weil sie ehrlich ist und die Dinge beim Namen genannt werden. «Man kann jemandem auch mal die Meinung sagen. Dann geht man am nächsten Abend ein Bier trinken. Damit ist die Sache dann gegessen.» Oder eben getrunken. Respekt verlangt sie heute aber auch für ihre Arbeit. Natürlich gebe es auch mal einen Typen, der «ein bisschen verknorzt» sei, sich weigere, unter einer Frau zu arbeiten. Und wenn ihr jemand sage, sie habe Haare auf den Zähnen, dann wisse sie, dass sie ihren Job richtig macht. In der Regel gestalte sich die Zusammenarbeit aber problemlos.

Mehr als Sand im Getriebe. Ob sie Frau oder Mann sei, sei schliesslich egal. Hauptsache, die Arbeit gehe voran, und die Leistung stimme. Nach anfänglicher Skepsis erfährt sie inzwischen auch Sympathie. Nicht für alle Männer sind Frauen auf dem Bau Sand im Getriebe. «Ich höre oft: Es ist gar nicht so schlecht, mal eine Frau auf der Baustelle zu haben. Ich habe vielleicht einen anderen Umgangston, gehe eher auf ein Problem ein, höre zu», erklärt sie. Ihr ist es wichtig, dass die Arbeiter zufrieden sind, denn zufriedene Leute arbeiten besser. Für ihre eigene Zufriedenheit hat sie ebenfalls alles: Job, Mann, Haus, Katzen, Schlangen und einen Hund. Und Kinder? «Das ist im Gespräch – aber noch nicht geplant», sagt sie. Kinder haben würde bedeuten, den Job aufzugeben. Zumindest im ersten Jahr. Und dass sie später als Teilzeiterin nicht mehr in ihre Funktion zurückkann, ist klar: «Jobsharing-Modelle gibt es in der Baubranche noch nicht», sagt sie. Jedenfalls nicht auf Führungsebene. In der Administration sind Frauen auch in Teilzeitpensen gern gesehen. Das weiss Sonia Pinnelli, Mutter einer neunjährigen Tochter und eines sechsjährigen Sohns. Die Tochter eines spanischen Poliers ist die Bauschreiberin für den Tiefbau beim Rückbau der Transitachse Weststrasse in Zürich – eine Frau mit einem fein geschnittenen Gesicht, einem Wusch schwarzer Haare und sorgfältig lackierten Fingernägeln.


Positive Streitkultur. Nach einem längeren Mutterschaftsurlaub ist die 39-Jährige mit einem 50%-Pensum wieder ins Berufsleben eingestiegen. Als allein erziehende Mutter ist sie auf die Hilfe ihrer Mutter angewiesen – diese kümmert sich während ihrer Abwesenheit um die Kinder. Ja, es sei streng, wieder zu arbeiten, aber auch abwechslungsreicher, sagt sie. Ihre Aufgabe ist es, die Verrechnungen der Lieferanten zu koordinieren und zu kontrollieren. Und sie ist die einzige Frau in einem reinen Männerteam – zum ersten Mal, seit sie als 16-Jährige das KV in der Baubranche begann. Zuerst habe sie deswegen Bedenken gehabt, zu Unrecht: «Als Frau wird man auf der Baustelle genauso respektiert wie die Männer; was zählt, ist die Leistung», sagt sie. Und die stimmt bei Frau Pinnelli. «Frau Pinnelli ist ein Segen für die Baustelle», sagt Bauführer Roger Widmer. Dank ihrer langjährigen Erfahrung weiss sie zwischen italienischem Gneis und portugiesischem Granit zu unterscheiden, kann sich auf Spanisch und Italienisch mit den Bauarbeitern unterhalten und hat eine «positive Streitkultur», so Widmer. Was das heisst? «Man muss sich wehren können.» Mit Pinnelli könne man auch mal ein persönliches Wort wechseln, ohne Angst, dass es nach aussen dringe. Ausserdem sei sie baustellenkonform angezogen und immer lösungsorientiert, sagt Widmer. Pinnelli winkt ab und wendet sich wieder ihrer Arbeit zu. Es gibt noch einiges zu tun. Zeit, es anzupacken. 

(Michèle Binswanger hat Philosophie studiert und ist Redakteurin beim «Tagesanzeiger»/Newsnetz. Dort leitet sie den zugehörigen Mamablog, für den sie 2010 zur «Journalistin des Jahres» gewählt wurde.) 

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Eine konstruktive Stimmung

Gabriela Bouras, Direktionsassistentin, Implenia Suisse SA, Onex

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Das Bauen im Blut

Sandra Wanner, Bauschreiberin Strassen- und Tiefbau, Implenia Schweiz AG, Zürich

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