Interview

Interview

Veränderung braucht Richtung — Schritt für Schritt vom Umbruch zum Aufbruch.

Die Märkte bieten attraktive Wachstumschancen, die Qualität der Auftragsbestände ist gestiegen, die unterliegende Performance der Divisionen ist gut und die Auswirkungen der strategischen Initiativen sind spürbar. Im Interview nimmt CEO André Wyss Stellung dazu, wie das erste Halbjahr 2019 gelaufen ist, wo die Strategie-Implementation steht und wie die Aussichten für Implenia sind.

Wie bewerten Sie das erste Halbjahr 2019, Herr Wyss?

«Gut. Beinahe würde ich sagen, sehr gut. Das Ergebnis bestätigt mit einem EBITDA von CHF 72,9 Mio. die Erwartungen. Gesamthaft ist die unterliegende Performance der Divisionen gut. Bei der Umsetzung der Strategie sind wir auf Kurs und haben bereits sehr gute Fortschritte erzielt. Der Auftragsbestand bleibt trotz einer selektiveren Projektauswahl hoch. Und die Märkte, in denen Implenia tätig ist, sind weiterhin attraktiv. Wir bestätigen daher unser EBITDA-Ziel für das Übergangsjahr 2019 von über CHF 150 Mio. (exkl. IFRS 16) vor den Kosten zur Strategieumsetzung von rund CHF 20 Mio. Zugleich bestätigen wir die mittelfristige EBITDA-Zielmarge von 5,25 % bis 5,75 % (exkl. IFRS 16).  Die EBITDA-Abweichung gegenüber dem Vorjahr ist zu zwei Dritteln auf die Effekte der per Jahresende 2018 vorgenommenen Korrekturen sowie zu einem Drittel auf die Strategieumsetzung zurückzuführen.»

Wie zeigen sich Bilanz, Eigenkapitalquote und Free Cashflow?

«Die Bilanz präsentiert sich unverändert solide, mit einem weiterhin hohen Bestand an flüssigen Mitteln. Die Eigenkapitalquote hat sich wie erwartet stabil entwickelt und liegt aufgrund von IFRS 16 mit 19,3 % nur geringfügig unter dem Vorjahreswert von 20,2 %. Implenia weist im Branchenvergleich weiterhin eine solide Eigenkapitalbasis auf und ist für die zukünftige Entwicklung zuversichtlich. Der saisonal beeinflusste Free Cashflow liegt bei CHF  – 167,5 Mio. Dies aufgrund höherer Investitionen in den Maschinenpark, Investitionen ins Portfolio der Division Entwicklung und fristgerechterer Zahlungen von Kreditoren. Ein weiterer Grund sind Verschiebungen hoher Zahlungseingänge aus Grossprojekten.»

Könnten Sie die Performance der einzelnen Divisionen etwas genauer erläutern?

«Die Divisionen Entwicklung und Hochbau liefern überzeugende Ergebnisse und verfügen über qualitativ hochstehende Entwicklungsprojekte respektive Auftragsvolumina. In den Divisionen Tiefbau und Spezialitäten wirken die Massnahmen zu den Ende 2018 kommunizierten Korrekturen in Norwegen und Polen. Diesbezüglich wurde kein weiterer unerwarteter Korrekturbedarf identifiziert. Diese Projekte laufen aber – wie im Outlook für das laufende Geschäftsjahr berücksichtigt – ohne Deckungsbeitrag weiter und belasten damit die Gesamtmarge der unterliegenden Performance dieser Divisionen. Die korrigierten Projekte in Südbaden, rapportiert in der Division Hochbau, sind von diesem Effekt nicht betroffen, da die Projekte per Ende 2018 abgeschlossen waren.»

Wie wirkt sich das auf den Umsatz der Gruppe aus?

«Der Umsatz stieg im ersten Halbjahr vor allem aufgrund der eingeschlagenen Internationalisierungsstrategie im Tiefbau, wo im Spezialtiefbau und dank Grossprojekten im Tunnelbau erfreuliche Wachstumsraten erzielt wurden. Die Divisionen Hochbau und Spezialitäten sind leicht unter dem Vorjahreswert. Die Gesamtperformance der Divisionen ist gut und in Summe auf Kurs zur Erreichung unseres Jahresziels.»

Baugeschäft ist Projektgeschäft ist Risikogeschäft.

«Die Risiken lassen sich nicht wegdiskutieren, aber sie lassen sich steuern. Durch einen signifikant umfassenderen Value-Assurance-Ansatz, mit dem wir erste Projekte gestartet haben, verbessern wir den bisherigen Risiko-Management-Prozess und die Kontrolle. Datengestützte Instrumente begleiten die Entscheidungsprozesse. Value Assurance setzt bereits bei der Auftragsselektion an, die jetzt selektiver auf die Chancen und Risiken in Bezug auf ihren Ergebnisbeitrag zielt, und begleitet die Projekte bis zum Ablauf der Garantiezeit. Durch die Klassifizierung aller Projekte entlang mehrerer risikobasierter Dimensionen, klar festgelegter Meilensteine und Entscheidungsgremien können bessere Entscheidungen in der Genehmigung und Überwachung der Projekte erzielt werden. Wir werden unseren Value-Assurance-Ansatz auf alle Projekte ausweiten. Die Daten aus den ersten Projekten nutzen wir für die Analyse der Variablen, welche die Performance unserer Projekte beeinflussen, und bauen sie in unsere Bewertungs- und Steuerungstools ein.»

Welche weiteren Fortschritte wurden bei der Strategie-Implementierung erzielt?

«Mit der Initiative Procurement Excellence haben wir kurzfristig Erfolge im Einkauf erzielt – es wird zurzeit an den mittel- bis langfristigen Massnahmen gearbeitet. Parallel arbeiten wir an der Harmonisierung und Digitalisierung unserer Kernprozesse und wichtigsten Systemschnittstellen: Unser ERP-Transformationsprojekt INSPIRE verläuft nach Plan. BIM wird schrittweise standardisiert, sodass die Methodik noch einfacher multiplizierbar ist. Momentan liegt der Fokus auf Anwendungsfällen in der Angebotsphase; einige Pilotprojekte in der Ausführungsphase treiben wir ebenfalls voran. Im Bereich Lean Construction haben wir im ersten Semester unsere Lean-Standards weiterentwickelt und sie in einer Toolbox zusammengefasst. Die Toolbox ist ein modularer Baukasten mit Elementen für eine reibungslose, effiziente und effektive Organisation sowie für die Zusammenarbeit der Akteure in Projekten und auf Baustellen. Diese rollen wir auf weitere Projekte aus. Innerhalb der Division Spezialitäten baut ein crossdivisionales Kernteam derzeit den neuen Implenia Innovation Hub auf und lanciert diesen im September. Damit startet eine digitale, allen Mitarbeitenden zugängliche Plattform für Intrapreneurship.»

Wie hat sich die neue Organisation mit vier Divisionen, globalen Funktionen und den Länderpräsidenten bewährt?

«Die neue Organisation hat sich in kürzester Zeit erfolgreich etabliert und zeigt Wirkung. Sie ermöglicht nicht nur eine rasche Umsetzung unserer strategischen Initiativen, sondern schafft mit ihrer Einfachheit und Konsistenz klare Rollen und Verantwortlichkeiten sowie ein Mehraugenprinzip für die Selektion, Genehmigung und Überwachung von Projekten. Zudem stärkt die neue Organisation das Unternehmertum in den Divisionen, die gruppenweite Exzellenz in den Themen der globalen Funktionen und fördert durch die Länderorganisationen enge lokale Beziehungen mit den Kunden und weiteren Anspruchsgruppen vor Ort. Wichtig war uns explizit die Bündelung unserer ‹Spezialitäten› zu einer Division, die im September mit Anita Eckardt eine eigene, neue Leiterin erhält.»

Wie läuft die Zusammenarbeit in der Geschäftsleitung, dem Implenia Executive Committee (IEC), und im weiteren Management?

«Ab September werden wir mit Anita Eckardt im IEC komplett sein und als Führungsteam noch stärker zusammenwachsen. Ich sehe, dass die Rollen klar und gut abgegrenzt sind. Das Team übernimmt unternehmerische Verantwortung und arbeitet international stark vernetzt. Die Heads aller Global Functions konnten wir schon zuvor bestimmen und auch auf der weiteren Führungsstufe ist das Management weitgehend besetzt. Die Zusammenarbeit ist intensiv, effizient und hat sich rasch eingespielt, gerade weil es so klar ist.»

Was tut sich in den Bereichen Nachhaltigkeit und Sicherheit?

«In der Nachhaltigkeit will Implenia weiterhin führend sein. So haben wir den für eigene Entwicklungsprojekte definierten Umweltstandard, der dem Standard ‹Nachhaltiges Bauen Schweiz› folgt, intern ausgerollt. Ebenso haben wir das Implenia Nachhaltigkeitskomitee an die neue Organisation angepasst sowie mit Vertretern aller Divisionen und den relevanten Global Functions besetzt. In dem Komitee werden wir im kommenden halben Jahr die Ziele bis 2025 definieren. Um ein hohes Bewusstsein für die Sicherheit unserer Mitarbeitenden im Alltag auf den Baustellen zu erreichen, unternimmt Implenia mit Sicherheits- und Gesundheitskonzepten, guter Ausrüstung sowie gezielter Ausbildung viel.»

Welche Basis bieten die Märkte für die weitere Entwicklung von Implenia?

«Die Vorhersagen zu Marktgrösse und Marktentwicklung stimmen uns positiv. In unseren Heimmärkten kündigt sich Wachstum an, wobei für den Tiefbau eine insgesamt stärkere Tätigkeit erwartet wird als für den Hochbau. Vor diesem Hintergrund und den guten Chancen, die der internationale Markt nach wie vor bietet, blickt Implenia zuversichtlich in die Zukunft.»